SUDING-Gastbeitrag: Gleiche Abi-Aufgaben für alle

Die stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Katja Suding schrieb für die „Welt“ (Dienstagsausgabe) den folgenden Gastbeitrag:

Die Abiturnote ist das Ergebnis nach zwölf oder 13 Jahren harter Arbeit. Aber sie ist nicht nur das, sondern entscheidet auch über den weiteren Lebensweg. Da etwa die Hälfte der Studiengänge mit einem Numerus clausus (NC) versehen ist, stellt sich für viele Abiturienten neben der Frage, was sie studieren möchten, vor allem die Frage, was sie wo überhaupt studieren dürfen.

Von der Gesamtnote hängt ab, ob der Traum angegangen werden kann, Ärztin oder Psychologin zu werden. Oder ob zunächst Wartesemester überbrückt werden müssen, bevor das Studium beginnen kann. Kurz gesagt: Von den Abiturnoten hängen Bildungs- und Lebenschancen ab.

Man könnte meinen, dass eine so entscheidende Zahl fair und vergleichbar sein müsse, damit alle Abiturienten im Kampf um die begehrtesten Studienplätze gleich aufgestellt sind. Leider falsch: Die Abiturnote hängt auch vom Bundesland ab, in dem ein Schüler die Schule besucht hat. So können zwei Schüler aus unterschiedlichen Bundesländern ungleiche Chancen bei der Zulassung zur Abiturprüfung oder bei der Wahl ihres Studiengangs haben, obwohl sie die gleichen Voraussetzungen mitbringen.

Beispielsweise erreichten 2015 in Thüringen 39 Prozent der Abiturienten ein Einser-Abitur, in Niedersachsen hingegen nur 17 Prozent. In bundesweiten Schultests schneiden die Thüringer Schülerinnen und Schüler jedoch nur durchschnittlich ab.

Jede Schülerin und jeder Schüler verdient es, beste Bildung zu erhalten – unabhängig vom Bundesland. Ein Umzug in ein anderes Bundesland darf keine Zumutung sein. Deshalb brauchen wir bundesweit einheitliche, ambitionierte Bildungsstandards in Verbindung mit einem Zentralabitur sowie vergleichbaren Prüfungen auf allen Ebenen. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ist das im Sinne der Mehrheit: 80 Prozent der Befragten sprechen sich für im ganzen Land einheitliche Abiturprüfungen aus.

Bildungsstandards definieren, welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler fächerspezifisch bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe entwickelt haben sollten. Hierzu erarbeitet das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) als wissenschaftliche Einrichtung seit Jahren Standards. Aber nur, wenn einheitliche Prüfungen das Erlernte auch deutschlandweit überprüfen, wird aus der Unverbindlichkeit von Standards ein unausweichliches Ziel.

Ambitionierte Bildungsstandards und eine hohe Schulautonomie schließen sich gegenseitig nicht aus, sondern führen dem Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) zufolge ganz im Gegenteil zu besseren Schülerleistungen. Bei einem Einvernehmen über gemeinsame Standards und externe Prüfungen könnten die Bundesländer eigenverantwortlich auch weiterhin die bestmöglichen Wettbewerbsbedingungen für ihre Schulen organisieren, beispielsweise bei der Lehrerausbildung oder Qualitätskontrolle. Gemeinsame Bildungsstandards sollen die Qualität heben und nicht nach unten angleichen. Daher müssen folgende Schritte rasch gegangen werden:

Erstens sollten wir ein Kernabitur in Deutsch, Englisch und Mathematik in den Oberstufenfächern flächendeckend einführen. Nachdem in der Vergangenheit auch von Universitäten vermehrt Kritik über ein nachlassendes Leistungsniveau der Abiturienten geäußert wurde, garantiert ein Kernabitur die Studierfähigkeit und leistet einen wichtigen Schritt zur Vergleichbarkeit.

Zweitens müssen Bildungsstandards für alle Fächer etabliert, gemonitort und evaluiert werden. Verbindliche und ambitionierte Bildungsstandards führen zu einer besseren Unterrichtsqualität und somit zu einer besseren Bildung der Schüler.

Drittens sollten nicht nur die Prüfungen am Ende vergleichbar sein, sondern bereits die Leistungen während der Schulzeit. Denn Unterschiede bestehen bereits vor der Zulassung zur Abiturprüfung. So kann es vorkommen, dass sich ein Schüler in einem Bundesland dafür qualifiziert, mit den gleichen Noten andernorts jedoch gar nicht erst zugelassen werden würde.

Ein bundesweites Abitur sorgt für mehr Chancengerechtigkeit. Schaffen wir ein echtes Chancenabitur – jetzt und für alle!

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