LAMBSDORFF-Interview: Briten müssen die Übergangsfrist verlängern

Der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Alexander Graf Lambsdorff gab dem „Mannheimer Morgen“ (Samstagsausgabe) das folgende Interview. Die Fragen stellte Alexander Jungert:

Frage: Herr Lambsdorff, der Brexit zieht sich gefühlt schon ewig hin. Ist jetzt endlich ein Ende in Sicht?

Lambsdorff: Schön wär’s. Realistisch ist es aber nicht. Denn wenn Großbritannien am 31. Januar austritt, beginnt die sogenannte Übergangsphase. Ab Februar muss das Folgeabkommen ausgehandelt werden. Das heißt, schwierige, zähe und teilweise auch kontroverse Verhandlungen mit Großbritannien werden uns noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Ohne Verlängerung geht es nicht, sonst stehen wir am 31. Dezember 2020 schon wieder vor einem harten Brexit.

Frage: Aber Premier Boris Johnson will gar keine Verlängerung.

Lambsdorff: Herr Johnson hat sich in der Vergangenheit immer sehr flexibel gezeigt, was seine Meinungen angeht. Ich zähle darauf, dass er auch in dieser Frage flexibel ist. Die Briten müssen die Übergangsfrist verlängern. In elf Monaten wird das neue Abkommen nicht zu schaffen sein.

Frage: Johnson setzt sich für ein Freihandelsabkommen mit der EU ein. Wie erfolgversprechend ist das?

Lambsdorff: Es ist wichtig, ein solches Abkommen auszuhandeln. Schließlich haben auch wir ein Interesse daran, dass deutsche Unternehmen einen guten Zugang zum britischen Markt behalten. Umgekehrt ist das Interesse Großbritanniens am europäischen Binnenmarkt noch um ein Vielfaches größer. Deswegen haben wir eine gute Verhandlungsposition – und ich glaube, dass die Europäische Kommission ein ordentliches Abkommen aushandeln wird.

Frage: Johnson bezeichnet sein Mandat als machtvoll. Wie soll er verantwortungsbewusst mit dieser Macht umgehen?

Lambsdorff: Johnson hat recht, wenn er das Mandat als machtvoll bezeichnet. Denn er ist nicht mehr abhängig von den Anti-EU-Extremisten in seiner Partei. Jetzt kann er sich auf eine breite Mehrheit stützen und muss nicht auf die Ränder schielen. Als Nächstes muss er eine Regierung bilden, das ist sein Job als Premierminister. Und Verantwortungsbewusstsein heißt, den Briten zu erklären, dass es eine Verlängerung der Übergangsfrist braucht.

Frage: Welche Lehren muss die EU aus dem Brexit-Drama ziehen?

Lambsdorff: Ich glaube, die Europäische Union hat insgesamt ein gutes Bild abgegeben. Großbritannien hat in den Jahren seit dem Referendum versucht, die Mitgliedstaaten der EU auseinanderzutreiben. Das ist nicht gelungen, die 27 Länder standen durchweg geschlossen hinter Michel Barnier als Chefunterhändler. Umfragen zeigen auch, dass seit dem Brexit immer mehr Bürger der Idee der EU zustimmen. Ich glaube, der Brexit macht vielen Menschen den Wert der Europäischen Union erst richtig bewusst. Auch die Wahlbeteiligung bei der jüngsten Europawahl ist ja deutlich gestiegen.

Frage: Wie trifft Sie der Brexit persönlich?

Lambsdorff: Mich weniger, beim Reisen brauchte man in Großbritannien ohnehin schon den Personalausweis oder musste Geld umtauschen. Aber vergessen Sie nicht die vielen Menschen, die der Brexit unmittelbar trifft: Studenten, Arbeitnehmer, Unternehmer. Für diejenigen, die dort leben, ist es ein schwerer Schlag ins Kontor.

Frage: Bedauern Sie, dass Großbritannien die EU verlassen will?

Lambsdorff: Ich bin ein Liberaler – und England ist das Mutterland des Liberalismus. Von daher bedauere ich den Austritt außerordentlich. Es ist eine Situation, die nur Verlierer kennt. Aber es handelt sich um eine demokratische Entscheidung, die wir zu respektieren haben.

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