LINDNER-Gastbeitrag: Klimatag statt Klimademos während der Schulzeit

Der FDP-Fraktionsvorsitzende Christian Lindner schrieb für „Zeit Online“ den folgenden Gastbeitrag:

Die Fridays-for-Future-Demonstrationen erregen Aufmerksamkeit – und die Debatte um sie kann Shitstorms auslösen, so wie ich es erlebt habe. Fest steht: Die Erderwärmung zu begrenzen, ist eine Menschheitsaufgabe. Die demonstrierenden Jugendlichen haben ein berechtigtes Anliegen, wenn sie darauf hinweisen, wie wichtig effektiver Klimaschutz ist. In Freiheit können Menschen sich nur entfalten, wenn sie intakte Lebensgrundlagen vorfinden.

In den sozialen Medien bin ich für eine Äußerung aus einem Interview mit der Bild am Sonntag angegriffen worden. Darin hatte ich gesagt, dass ich politisches Engagement von Schülerinnen und Schülern toll finde, dies jedoch nach der Schulzeit stattfinden solle. Tatsächlich spricht heute niemand mehr von einer „Null-Bock-Generation“. Das ist gut so. Während der Schulzeit zu demonstrieren macht das Engagement allerdings nicht wertvoller. In Deutschland wird einerseits Schulausfall beklagt und andererseits wird von höchster Stelle, aus der Bundesregierung heraus, das Schwänzen von Schulstunden bagatellisiert. Auch die „Pulse of Europe“-Demonstrationen zum Beispiel finden in der Freizeit statt.

Die Unterrichtszeit sollte lieber dafür genutzt werden, sich über physikalische und naturwissenschaftliche sowie technische und wirtschaftliche Zusammenhänge zu informieren. Deshalb schlage ich vor, dass einmal pro Schuljahr an deutschen Schulen ein Klimatag eingeführt wird: Schülerinnen und Schüler können hier alle Facetten des Themas beleuchten – von der Physik über den Politikunterricht bis hin zur Erdkunde.

Auf die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens zu drängen, ist legitim. Zum Glück weisen uns diese Ziele den Weg: 2015 hat die internationale Staatengemeinschaft sich verpflichtet, die Erderwärmung auf unter zwei Grad zu begrenzen, um katastrophale Folgen für das Leben auf der Erde zu verhindern.

Allerdings müssen wir darauf achten, bei der Umsetzung dieser Ziele nicht allein auf den Bauch, sondern auch auf den Verstand zu hören. In Deutschland schaltet sich die Politik inzwischen tief in die technologische Umsetzung von Klimaschutzmaßnahmen ein. Sie verzettelt sich in Detailsteuerung. Wir bezahlen Subventionen, sprechen Quoten und Verbote aus. Die Kosten für Klimaschutz steigen im Ergebnis. Schon jetzt zählen die Kosten zur CO2-Vermeidung bei uns zu den höchsten der Welt. Die Ergebnisse hingegen sind ernüchternd: Unsere Emissionen sinken kaum. Wir sind dadurch weltweit zum abschreckenden Beispiel geworden.

Das müssen wir ändern. Für jeden eingesetzten Euro müssten wir das Maximum an Klimaschutz erreichen. Wir müssen ambitionierter und effizienter werden. Ich bin der Meinung: Im demokratischen Verfahren sollten Ziele festgelegt werden, aber Einzelentscheidungen zu Technologien können nicht am Reißbrett getroffen werden. Wir müssen den Rahmen vorgeben, innerhalb dessen Ingenieure, Ökonomen und Klimaforscher Lösungen finden. Das meine ich damit, wenn ich sage, dass wir beim Klimaschutz, wenn es um die Umsetzung der Pariser Ziele geht, mehr den Profis zuhören müssen. Auch ich als Politiker habe in diesem Zusammenhang nicht das Fachwissen eines Physikers. Auch ich bin da kein Profi.

Minutiöse Klimaschutzpläne für die kommenden Jahrzehnte verheißen nur auf den ersten Blick Gutes. Das moderne Kohlekraftwerk, das im Rheinischen Revier zwangsabgeschaltet wird, vermittelt das wohlige Gefühl, in der eigenen Nachbarschaft Klimaschutz zu betreiben. Es hilft dem Klima aber nicht, ein reines Gewissen zu haben. Mit den Milliardensummen, die dafür als Entschädigung an die Energiekonzerne gezahlt werden müssen, ließe sich vielleicht woanders schneller mehr CO2 einsparen: Zum Beispiel über die Modernisierung von Kraftwerken in Asien oder den großflächigen Kauf und Schutz von Regenwald in Südamerika.

Dass auch Deutschland langfristig aus der Kohleverstromung aussteigen wird, ist klar. In den Zwischenetappen kann es aber möglicherweise günstiger sein, alte, schmutzige Heizungen zu modernisieren und so Kohlendioxid zu sparen. Für uns sollte nur wichtig sein, dass möglichst schnell Treibhausgase eingespart werden. Wo dies genau geschieht, ist für den Klimaschutz als globale Aufgabe egal. CO2 kennt keine Grenzen.

Ein echter Paradigmenwechsel wäre es, den ökologischen Effekt von Kohlendioxid mit einem Preis zu belegen. Das bedeutet, dass jeder, der CO2 emittiert, Zertifikate kaufen muss. Er kann sie auch wieder verkaufen, wenn er sie nicht mehr benötigt. In einem solchen Modell sinkt jährlich die Menge der Zertifikate. Dadurch steigt der Preis, und die Unternehmen haben ein eigenes ökonomisches Interesse daran, Kohlendioxid zu sparen. Wir würden damit im Markt einen Anreiz schaffen, CO2 möglichst effizient und kostensparend zu vermeiden. Das gibt es für die Energiewirtschaft bereits. Es fehlt für andere Sektoren, etwa im Verkehr.

Ingenieure und Naturwissenschaftler können dann die wirksamsten Wege finden, um die politisch festgelegten Ziele zu erreichen. Bis heute ist zum Beispiel unklar, ob das E-Auto ökologischer ist als die Brennstoffzelle. Synthetische Kraftstoffe, die aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, könnten im regulären Verbrennungsmotor klimaneutral verwendet werden. Wer sich auf das Auto, wie wir es kennen, in einem Kulturkampf einschießt, der wird Forschung in diesem Bereich von vornherein unmöglich machen.

Klimaschutz ist komplex. Die Paris-Ziele stehen fest, aber die Suche nach dem besten Weg muss zugunsten der Innovationskraft von Forschung und Wirtschaft offen gehalten werden. Nicht jeder will das: Mitunter wird die Ökologie instrumentalisiert, um Wirtschaft und Gesellschaft umzubauen – zum Beispiel, um das Auto zu verdrängen, Menschen zu Vegetariern zu machen oder Flugreisen zu unterbinden.

Wir müssen nach Methoden suchen, die uns nicht in eine Verzichts- und Verbotsgesellschaft katapultieren. Wer Klimaschutz durch Deindustrialisierung erreichen will, zerstört unsere wirtschaftlichen Grundlagen, ohne dabei das Klima zu retten. Wenn wir den Menschen allein Askese predigen, werden uns Länder wie China oder Indien nicht folgen. Und wir laufen Gefahr, die Akzeptanz für die Umweltpolitik auch hierzulande zu verlieren. Dann werden uns am Ende auch all die engagierten Appelle am Freitag nichts nutzen.

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