BUSCHMANN/HASSELMANN-Gastbeitrag: Die Unterfinanzierung des Bildungssystems beseitigen

Der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion Dr. Marco Buschmann und die Erste Parlamentarische Geschäftsführerin von Bündnis 90/Die Grünen Britta Haßelmann schrieben für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (Dienstagsausgabe) den folgenden Gastbeitrag:

Am Mitt­woch kommt zum ers­ten Mal in die­ser Wahl­pe­ri­ode der Ver­mitt­lungs­aus­schuss von Bun­des­tag und Bun­des­rat zu­sam­men. Der Grund: ein Streit zwi­schen den Staats­or­ga­nen über ei­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung. Der Ge­gen­stand: die Be­tei­li­gung bei der Bil­dungs­fi­nan­zie­rung – al­so ei­ne An­pas­sung der Auf­ga­ben­ver­tei­lung zwi­schen Bund und Län­dern auf ei­nem Po­li­tik­feld, das die zen­tra­le Rol­le für die Zu­kunft un­se­res Lan­des spielt. Je­der Bil­dungs­be­richt, je­de OECD-Stu­die be­schei­nigt uns mas­si­ve De­fi­zi­te in der Bil­dungs­po­li­tik, und da­mit muss end­lich Schluss sein.

Di­gi­ta­li­sie­rung und Glo­ba­li­sie­rung ver­än­dern al­les, ins­be­son­de­re wie wir le­ben und ar­bei­ten. Dar­auf muss die Bil­dung un­se­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler vor­be­rei­ten. Das wird an­ders ge­sche­hen müs­sen als in der Ver­gan­gen­heit. Denn vie­le Be­ru­fe von mor­gen, die die Schü­ler von heu­te er­grei­fen wer­den, ken­nen wir noch gar nicht. Nur wenn je­der Ein­zel­ne für die­sen Wan­del bes­tens aus­ge­bil­det ist, wird er oder sie die Chan­cen er­grei­fen kön­nen, die der Wan­del mit sich bringt. Und nur Län­der, die in der La­ge sind, den Men­schen We­ge zu ex­zel­len­ter Qua­li­fi­ka­ti­on an­zu­bie­ten, le­gen die Ba­sis für nach­hal­ti­gen Wohl­stand.

Hier ist noch viel zu tun in Deutsch­land. Be­reits 2017 hat die OECD fest­ge­stellt, dass das deut­sche Bil­dungs­sys­tem im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich nur mit­tel­mä­ßig ab­schnei­det. Ei­ner der Grün­de, den die Ex­per­ten der OECD her­aus­ge­ar­bei­tet ha­ben, ist die struk­tu­rell man­gel­haf­te Fi­nan­zie­rung. Der durch­schnitt­li­che OECD-Mit­glied­staat in­ves­tiert 5,2 Pro­zent sei­nes Brut­to­in­lands­pro­duk­tes, al­so sei­nes ge­sell­schaft­li­chen Wohl­stan­des, in Bil­dung. In Deutsch­land sind es nur 4,3 Pro­zent. Der Un­ter­schied wirkt auf den ers­ten Blick ge­ring, doch der Be­fund lau­tet: Un­ser Land in­ves­tiert fast ein Fünf­tel we­ni­ger in den Bil­dungs­sek­tor als un­se­re Nach­barn. Da kann es kaum ver­wun­dern, dass deut­sche Schu­len nur mit­tel­mä­ßig ab­schnei­den.

Auch der Bil­dungs­auf­stieg ist in Deutsch­land für vie­le Kin­der und Ju­gend­li­che noch im­mer ein lee­res Ver­spre­chen: Zu vie­le jun­ge Men­schen ha­ben kei­ne Aus­bil­dung, ob­wohl seit Jah­ren über feh­len­de Fach­kräf­te dis­ku­tiert wird. Und lei­der ha­ben Yu­nus und Sa­mi­ra im­mer noch viel schlech­te­re Chan­cen auf ei­nen gu­ten Start in die Zu­kunft als Max und So­phie. Men­schen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund sind von der Ki­ta bis zur Wei­ter­bil­dung struk­tu­rell be­nach­tei­ligt. Deutsch­land in­ves­tiert ins­ge­samt noch viel zu we­nig in die Köp­fe von mor­gen.

Hin­ter die­ser Un­ter­fi­nan­zie­rung steckt kein bö­ser Wil­le. Sie hat vor­ran­gig ver­fas­sungs­struk­tu­rel­le Grün­de. Der Bund hat seit der Fö­de­ra­lis­mus­re­form von 2006 kei­ne Zu­stän­dig­keit für Bil­dung mehr. Die al­lei­ni­ge Zu­stän­dig­keit für die Bil­dungs­po­li­tik liegt bei den Län­dern. Das be­deu­tet in der Pra­xis, dass der Bund Län­der und Kom­mu­nen auch bei au­ßer­ge­wöhn­lich ho­hem In­ves­ti­ti­ons­be­darf, et­wa im Zu­sam­men­hang mit der Di­gi­ta­li­sie­rung der Schu­len oder bei dem Aus­bau von Ganz­tags­schu­len, fi­nan­zi­ell nicht un­ter­stüt­zen darf. Der so­ge­nann­te Di­gi­tal­pakt, ein Pro­gramm des Bun­des, um Län­der und Kom­mu­nen hier­bei mit fünf Mil­li­ar­den Eu­ro zu un­ter­stüt­zen, wä­re ver­fas­sungs­wid­rig. Wir wol­len wie­der Ko­ope­ra­ti­on er­mög­li­chen, da­mit Bund, Län­der und Kom­mu­nen zu­sam­men­ar­bei­ten und sich ge­mein­sam stark­ma­chen kön­nen für ei­ne gu­te Zu­kunft je­des Kin­des in die­sem Land.

Da­her hat der Deut­sche Bun­des­tag – mit den Stim­men al­ler Frak­tio­nen au­ßer der AfD – ei­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung be­schlos­sen, die mit Blick auf die Bil­dung zwei Kom­po­nen­ten ent­hält: Ers­tens soll der Bund in die Fi­nan­zie­rung so ein­stei­gen kön­nen, dass da­durch die Bil­dungs­qua­li­tät in Deutsch­land ins­ge­samt steigt. Da­für ist es wich­tig, dass die zu­sätz­li­chen Fi­nanz­mit­tel nicht nur in Ka­bel und Be­ton flie­ßen dür­fen. Bil­dungs­qua­li­tät hängt in be­son­de­rer Wei­se auch von Per­so­nal ab. Das darf nicht au­ßen vor blei­ben. Die vom Bun­des­tag be­schlos­se­ne Ver­fas­sungs­än­de­rung sieht vor, dass Fi­nanz­hil­fen nun auch für In­ves­ti­tio­nen in Köp­fe ge­nutzt wer­den könn­ten, al­so nicht nur für Rou­ter, W-Lan und Schul­clouds, son­dern auch für die Aus- und Fort­bil­dung der Lehr­kräf­te, für die Fi­nan­zie­rung von Netz­werkad­mi­nis­tra­to­rin­nen oder me­di­en­päd­ago­gi­schen Be­ra­te­rin­nen.

Zwei­tens ver­langt der Bun­des­rech­nungs­hof von der Bun­des­po­li­tik, dass in ir­gend­ei­ner Form si­cher­ge­stellt wer­den sol­le, dass die Mit­tel des Bun­des zu zu­sätz­li­chen In­ves­ti­tio­nen der Län­der füh­ren. Kei­nes­falls dürf­ten die Mit­tel des Bun­des, so die Be­hör­de, da­zu füh­ren, dass die Län­der ei­ge­ne fi­nan­zi­el­le An­stren­gun­gen ver­rin­gern. Auch dem hat das Par­la­ment ver­sucht nach­zu­kom­men. Ge­gen bei­des ha­ben die Län­der zum Jah­res­en­de Be­den­ken an­ge­mel­det und den Ver­mitt­lungs­aus­schuss an­ge­ru­fen. Man­che be­fürch­ten of­fen­bar das En­de des Fö­de­ra­lis­mus. Das ist nicht der Fall. Es geht al­lein um die Mög­lich­keit, mit­zu­fi­nan­zie­ren und sich dar­über zu ver­stän­di­gen, was mit dem Geld pas­sie­ren sol­le.

Wer nun vor­schlägt, dass der Bund nur Geld ge­ben sol­le, die Län­der aber kei­ner­lei Aus­sa­gen da­zu tref­fen soll­ten, wo­für sie es ver­wen­den, ver­gisst ei­nes. Auch in den Län­dern be­für­wor­ten vie­le ei­ne stär­ke­re Ko­ope­ra­ti­on zwi­schen Bund und Län­dern. Der Bun­des­tag ist zu­dem als Haus­halts­ge­setz­ge­ber den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern Re­chen­schaft schul­dig. Wenn der Bund Geld in Bil­dung in­ves­tiert, muss er auch si­cher sein kön­nen, dass es für mehr Qua­li­tät in der Bil­dung ein­ge­setzt wird, dass al­so die Mit­tel des Bun­des er­gänzt wer­den durch In­ves­ti­tio­nen der Län­der. Das wä­re ei­ne gu­te Nach­richt für al­le Schu­len, die schon heu­te am Li­mit fah­ren.

Wenn der Ver­mitt­lungs­aus­schuss nun erst­mals zu­sam­men­tritt, soll­ten al­le Be­tei­lig­ten vor Au­gen ha­ben, dass die Schü­le­rin­nen und Schü­ler und auch al­le Bür­ge­rin­nen und Bür­ger er­war­ten, dass die Po­li­tik zü­gig zu ei­ner gu­ten Lö­sung für die Schu­len kommt, die re­al vor Ort zu bes­se­rer Bil­dung führt. Zu ei­nem mo­der­nen Bil­dungs­fö­de­ra­lis­mus ge­hört die Mög­lich­keit, ge­mein­sam wich­ti­ge Din­ge an­zu­pa­cken.

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